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Ist Schlafwandeln gefährlich?

Es zählt zu den rätselhaftesten Phänomenen der Medizin: das Schlafwandeln. Welche Ursachen es womöglich hat, wovor sich Betroffene schützen sollten
von Barbara Denk / HausArzt-PatientenMagazin, aktualisiert am 15.10.2016

Schlafwandler verlassen das Bett, ohne es zu merken

W&B/Martina Ibelherr

Comics stellen sie mit nach vorne gestreckten Armen dar, seelenruhig auf Dachfirsten balancierend. Solche akrobatischen Höchstleistungen können Schlafwandler nicht vollbringen. Doch andere seltsame Dinge widerfahren ihnen regelmäßig: Fast jede Nacht steht der junge Student im Dunkeln auf, tapst in die Küche und verschlingt den Schokoladenvorrat seiner Mitbewohner – samt Silberpapier. Die 40-jährige Mutter wacht morgens mit Schürfwunden an Knien und Ellbogen auf. Der Erstklässler schläft abends in seinem Bett ein und findet sich anderntags eingerollt auf dem Teppich im Flur wieder.

Der sogenannte Somnambulismus zählt bis heute zu den rätselhaftesten Phänomenen der Medizin. Was im Gehirn von Schlafwandlern vor sich geht, ist immer noch wenig erforscht. Bei Kindern tritt Somnambulie gehäuft auf. 30 Prozent sollen wenigstens einmal schlafwandeln, Jungen häufiger als Mädchen. Bei Erwachsenen sind es schätzungsweise noch ein bis vier Prozent, wobei Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen sind. Die meisten waren schon als Kinder Schlafwandler.

Schlafwandler erinnern sich morgens an nichts mehr

Dr. Peter Geisler, Leiter des Schlaflabors der Psychiatrischen Universitätsklinik Regensburg am Bezirksklinikum, schätzt die Zahl noch höher. "Wir kennen nur die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer ist riesig, die meisten bemerken ihr nächtliches Spazierengehen ja nicht." Das ist das Bemerkenswerte: Fast alle Betroffenen können sich am nächsten Morgen nicht mehr an ihre nächtlichen Ausflüge erinnern.

Was läuft im Gehirn eines Schlafwandlers anders als bei einem normal Schlafenden? Das nächtliche Umhergehen geschieht ausschließlich in der Tiefschlafphase, also vor allem in der ersten Nachthälfte. Die Betroffenen verhalten sich dabei so, als ob sie wach seien, die Gehirnströme zeigen aber, dass sie sich im Tiefschlaf befinden. Da Kinder in der Regel tiefer schlafen als Erwachsene, geht man davon aus, dass sie deshalb auch öfter schlafwandeln. Eine andere Erklärung ist die noch nicht abgeschlossene Reifung des kindlichen Gehirns.

Ein Teil des Gehirns schläft, ein anderer wacht auf

Forscher wie Geisler stellten im Schlaflabor fest, dass bei den nächtlichen Wanderern ein Teil des Gehirns weiter schläft, ein anderer Teil jedoch aufwacht. Partielles Erwachen nennt man das. "Besonders die Areale für Bewegung und Muskelspannung sind dann hellwach", erläutert Geisler.

Professor Axel Steiger, Leiter des Schlaflabors am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, bestätigt: "Schlafwandeln beginnt häufig mit einem plötzlichen Aufrichten im Bett, die Betroffenen schauen sich mit offenen Augen um, der Gesichtsausdruck ist starr. Entweder sie schlafen dann weiter, oder sie verlassen das Bett und vollführen scheinbar sinnvolle, komplexe Handlungen." Die meisten Episoden dauern nur einige Sekunden oder Minuten, selten sind Betroffene bis zu eine halbe Stunde unterwegs.

Im Schlaf Treppen steigen und sogar Auto fahren

Schlafwandler sind zu allem fähig, was sie auch im Alltag automatisch und routiniert beherrschen. Sie können sich – scheinbar vernünftig – mit einer anderen Person unterhalten, Speisen zubereiten, abwaschen, Türen öffnen und schließen, Treppen steigen und hinuntergehen. Geisler kennt einen Schreiner, der im Schlaf alle seine Schränke umstellte.

Aus den USA sind Fälle von "Sleep driving" bekannt – Schlafwandler, die im Tiefschlaf ein Auto steuerten. "Man kann aber bestimmt keine Dinge, die man im Wachzustand nicht auch könnte", betont Geisler. Der Schlafwandler, der problemlos den Dachfirst entlangschreitet, gehört daher in den Bereich der Märchen.

Hohes Verletzungsrisiko bei Schlafwandlern

Das Gegenteil ist der Fall: Nachtwandler setzen sich einem erheblichen Verletzungsrisiko aus. Ihre Koordination ist schlecht, sie stolpern oft. Es kann sein, dass sie nachts die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen oder eine Tür mit einem Fenster verwechseln.

Was kann man tun, um Betroffene vor sich selbst zu schützen? "Wir raten dazu, Ecken und Kanten abzusichern, Türen zu verschließen, Fenster zu verriegeln und Hochbetten zu meiden", berichtet Steiger. Bemerken der Partner oder andere Familienangehörige das Umherwandeln, geleiten sie den Betroffenen am besten ruhig zurück in sein Bett. Wer anfällig dafür ist, nachts herumzugeistern, sollte mögliche Auslöser meiden. Das können Stress und Schlafmangel sein, aber auch Antidepressiva, Schlafmittel oder Alkohol. Schnarchen mit Atemaussetzern sowie Migräne können das Phänomen ebenfalls verstärken.

Genetische Veranlagung

Warum manche Menschen schlafwandeln und andere nicht, ist noch immer ungeklärt. Zu selten können Forscher die Somnambulie "live" beobachten. Im Schlaflabor verhindern Drähte und die ungewohnte Situation bei vielen Patienten das Umherwandeln. "Es handelt sich keinesfalls um eine psychische Störung", betont Schlafforscher Geisler, "vielmehr um eine genetische Veranlagung." Vermutlich vererbt sich der Impuls: Rund 80 Prozent aller Schlafwandler haben mindestens einen Verwandten, der nachts ebenfalls ungewollt unterwegs ist.

Wann zum Arzt?

Medikamente sind bei Somnambulismus meist nicht nötig. Tritt das Herumwandeln im Erwachsenenalter neu auf, raten Ärzte jedoch zu einer Untersuchung im Schlaflabor. Dann könnte eine Störung der Nerven die Ursache sein, etwa bei Epilepsie, Alzheimer oder Parkinson. Wenn der Partner von den nächtlichen Touren verängstigt ist, kann eine
Analyse im Labor Unsicherheit nehmen und die Beziehung retten.



Bildnachweis: W&B/Martina Ibelherr

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